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AAT - Anti-Aggressivitäts-Training
Antigewalttraining (AGT) und Deeskalationstraining


Seit über 10 Jahren wird das AAT® als juristische Auflage bei Verurteilten mit Körperverletzungs- und anderen Gewaltdelikten im Landgerichtsbezirk Mainz regelmäßig angewendet, auch und besonders bei erwachsenen Tätern. In besonderen Kreisen wird der Einsatz von Gewalt als legitimes Mittel verstanden, die eigenen Interessen gegen andere durchzusetzen oder seine persönliche Frustration abzubauen. Gewalt ist ein erlerntes Verhalten, die späteren TäterInnen werden i.d.Regel in sehr frühem Lebensalter damit konfrontiert und übernehmen dieses Mittel später als alleinige Lösungsmöglichkeit für Probleme.

Einmal eingesetzt gestaltet sich die Entwicklung der Gewaltschwere zunehmend brutaler. Noch vorhandene Hemmschwellen verschwinden ganz und damit auch Gefühle des Mitleids mit dem Opfer. Mit zunehmender Sorge muss sich diesbezüglich einer qualitativ veränderten Gewalt zugewandt werden. Gewalttätige Menschen und vor allem ihre Angriffe auf unbeteiligte Mitbürger, sind zu einem vorrangigen gesellschaftspolitischen Thema avanciert.

In den vergangenen Jahren versucht man sich nun bundesweit diesem Problemfeld mit den unterschiedlichsten Methoden zu stellen.

Eine davon ist das Anti – Aggressivitäts - Training (AAT). Das von Prof. Jens Weidner entwickelte Training wurde erstmals 1987 in der JVA Hameln angewandt und hat sich bis heute als eine erfolgreiche Möglichkeit in einem Verhaltenstraining von Körperverletzern erwiesen.

Zielgruppe
Zielgruppe sind Menschen, die erstmals oder wiederholt wegen körperlicher Gewalt gegen Andere aufgefallen sind. Rücksichtsloses und gegenüber pädagogischen Interventionen resistentes Verhalten sind typisch. Einsicht in die Folgen für die Opfer oder Schuldgefühle bestehen in der Regel nicht. Es sind insbesondere:

Straftaten gegenüber dem Leben (§§211,212,213 StGB)
Körperverletzung (§§223, 223a, 224,226, StGB)
Schwerer Raub (§ 250 StGB)

Finanzierung des AAT
Erwachsene Teilnehmer des AAT zahlen Ihre Teilnahme am Training selbst, wenn sie finanziell dazu in der Lage sind. Eine Staffelung bezüglich der Einkommenshöhe und der damit verbundenen Belastbarkeitsgrenze wurde eingeführt und hat sich bewährt. Die zusätzlichen Kosten für die Maßnahmen werden auch über Bußgelder aus den zuständigen Strafgerichten finanziert.

Organisation und Inhalt des AAT
Das AAT ist eine Gruppenmaßnahme und umfasst einen Trainingszeitraum von ca. 78 Zeitstunden innerhalb von 5-7 Monaten. Die Gruppengröße besteht aus maximal 9 Teilnehmern und wird von zwei ausgebildeten AAT –Trainern und einem Praktikanten geleitet. Bei Bedarf werden für besondere Themen weitere Fachleute hinzu gezogen.

Bei den sozialen Trainingskursen (AAT, AGT, Kurzkurs „gegen Gewalt“) finden in allen Fällen mit den KursanwärterInnen im Vorfeld intensive Vorgespräche statt, in welchen die Motivation und Eignung des Klienten geklärt werden soll. Um die teilweise längere Wartezeit zu überbrücken, werden bis zum Gruppenbeginn in besonderen Fällen auch regelmäßig Einzelgespräche geführt.

Die inhaltliche Arbeit im AAT basiert auf der Grundidee, die Täter an ihre eigenen Gewaltanteile (Biographien), an die Opferperspektive und an ihre Rechtfertigungsgründe heranzuführen.
Sie werden direkt mit ihren aggressiven und gewalttätigen Verhaltensweisen konfrontiert und sollen im Training die möglichen Konsequenzen ihrer Taten „durchleben“. Sie müssen sich mit ihren Taten und den Verletzungen ihrer Opfer auseinander setzen.

Wenn es gelingt, die Gewaltverherrlichung zu erschüttern, Schuldgefühle zu wecken und Mitleid mit den Opfern zu erzeugen, verlieren die Täter den Spaß an der Gewalt und entwickeln Hemmungen ihre Mitmenschen zu verletzen. Dann werden sie bereit sein zu lernen, sich anders stark zu fühlen und zu akzeptieren bzw. die Anerkennung des sozialen Umfelds für sich zu gewinnen.

Die Ziele des AAT:
- Erzeugung von Betroffenheit und Empathie für die Opfer
- Stärkung von Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein
- Entwicklung neuer Handlungsstrategien zur Konfliktlösung
- Erlernen einer Reflexionsfähigkeit
- Umgang mit Fremdkritik

Im Jahre 2016 fanden zwei AAT – Männergruppen, mit zu Beginn 8/9 Teilnehmern, in Mainz statt, von denen 7/7 den Kurs beendet haben.

Zum Jahresanfang 2016 wurde ein Kurzkurs „gegen Gewalt“ mit einem Stundenumfang von 20 Zeitstunden mit 6 TN durchgeführt.

Antigewalttraining in der JVA

Ein spezielles Antigewalttraining (AGT) mit männlichen Teilnehmern wurde in der JVA Rohrbach mit 7 Klienten durchgeführt. 5 TN haben den Kurs beendet (ein TN beendete das Training aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse, ein TN wurde in eine andere JVA verlegt).

Ein weiteres AGT fand erstmals mit einer Gruppe von inhaftierten Frauen in der JVA Rohrbach statt. Von 7 Frauen beendeten 6 TN das Training (eine Frau wurde ebenfalls in eine andere JVA verlegt).

In dieser Gruppe stellte sich bei allen Frauen deutlich eine multiple Problemlage heraus. Neben den Körperverletzungsmerkmalen hatten alle starke Drogen konsumiert, befanden sich z.T. im Methadonprogramm und waren auch während der Gruppenzeit auf Entzug. Daneben spielte das „Mutter sein“ ebenfalls eine große Rolle. Schuld, Enttäuschung, Versagen gegenüber ihren Kindern stand gleichwertig neben persönlichen Themen. Traumatische Erlebnisse zeigten sich deutlicher und vordergründiger als bei den Männern und trugen zu einer hohen Dynamik im Gruppengeschehen bei.

Die Kursinhalte wurden auf die Bedürfnisse und jeweiligen Lebenslagen der Frauen und Männer angepasst, basieren aber im Wesentlichen auf den Inhalten des AATs.

Aufgrund der nicht unbedingt kalkulierbaren Verweildauer der TeilnehmerInnen wurde der Umfang des Angebots von 78 Stunden auf 45 Stunden und damit die Kursdauer auf 4 Monate verkürzt. Alle TeilnehmerInnen nahmen gern, regelmäßig und aktiv teil.

Deeskalationstraining:

Im Jahr 2016 fanden, als neues und innovatives Angebot, zum ersten mal 5 Deeskalationstrainings für Helfende in der Flüchtlingsarbeit statt. Im Auftrag von 3 verschiedenen Trägern der Flüchtlingshilfe wurde an jeweils 2 Tagen einer Gruppe von Haupt- und Ehrenamtlichen vermittelt, welche einfachen Möglichkeiten des Selbstschutzes es gibt. Ein weiteres Lernziel war die Deeskalation von gewaltträchtigen Situationen, die Trennung von Täter und Opfer und die Grenzen des noch möglichen Eingreifens ohne den Selbstschutz zu vernachlässigen.

Die Teilnehmenden waren rundum zufrieden und konnten die Erfahrungen direkt in ihre Arbeitsfelder übertragen.


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